AKADEMIE IM FOKUS Alle Fotos: © Lea May Bernd Imhoff bei seinen Stadtführungen im » Urlaub in Köln « Bernd Imgrund: Der Mann, der Köln immer wieder neu entdeckt Seit vielen Jahren führt Bernd Imgrund Menschen durch Köln - nicht zu den großen Sehenswürdigkeiten, sondern zu den unscheinbaren Orten, an denen die wahre Geschichte der Stadt verborgen liegt. Der Journalist und Bestsellerautor ist so etwas wie ein professioneller Stadtentdecker. Im Gespräch mit Priska Höflich erzählt er, warum er schon als Kind Reporter werden wollte, weshalb ein verwitterter Stein spannender sein kann als der Dom - und warum er bis heute in einer Kneipe kellnert. Bernd, du bist ein echter Kölner. Wo hat deine Geschichte begonnen? Bernd Imgrund: Geboren bin ich in Klettenberg. Da sagen viele immer: „Oho, wow!“ - aber in den 1960er-Jahren sah das ganz anders aus. Wir lebten in einem unrenovierten Altbau mit Kohleofen in der Küche und Einfachverglasung. Gegenüber war ein Spielplatz. Ich erinnere mich an eine sehr schöne Kindheit. Später sind wir nach Meschenich gezogen, kurz bevor der Kölnberg gebaut wurde. Heute wohne ich in Raderthal - also nur zwei Veedel weiter. Mehr Bewegung hat es in meinem Leben geografisch nicht gegeben. Du bist Journalist und Autor geworden. War das geplant? Im Grunde ja. Schon als kleiner Junge habe ich über jedes meiner Tischtennisspiele Berichte geschrieben - ganz so, wie Sportreporter über Fußball berichten. Nach Turnieren oder Meisterschaftsspielen im Verein habe ich alles zusammengefasst. Mit 15 war ich dann Pressewart unseres Tischtennisvereins und habe meine ersten Texte im „Brühler Schlossboten“ veröffentlicht. Da war klar: Ich will schreiben. Heute bist du vor allem als Autor von Köln-Büchern bekannt. Was waren deine erfolgreichsten Projekte? Ich habe Romane, Reisebücher und Sachbücher geschrieben. Am eitelsten bin ich bei den Romanen - aber die sind eher untergegangen. Wirklich erfolgreich waren meine Sachbücher. Ich habe zum Beispiel das Konzept der Reihe „111 Orte, die man gesehen haben muss“ entwickelt. Die ersten drei Bände stammen von mir, darunter „111 Orte in Köln“. Das Buch wird seit vielen Jahren immer wieder neu aufgelegt und verkauft sich noch immer hervorragend. 24 KLAAF AKADEMIE
AKADEMIE IM FOKUS Was war die Idee hinter diesen Büchern? Ich wollte bewusst nicht über den Dom, 4711 oder das Römisch- Germanische Museum schreiben. Mich interessieren die Orte, an denen die meisten Menschen einfach vorbeilaufen. Orte, die unscheinbar wirken, aber eine Geschichte erzählen - manchmal sogar eine Geschichte, die tausende von Jahren alt ist. Kannst du ein Beispiel nennen? In Dellbrück gibt es eine kleine Wiese mit ein paar Hügeln. Kinder rodeln dort im Winter vielleicht fünf Meter hinunter. Die meisten denken, das ist irgendeine Aufschüttung. In Wirklichkeit sind das aber Hallstattgräber aus der Keltenzeit. Die sind über zweitausend Jahre alt. Woanders wäre das ein Freilichtmuseum. In Köln stehen sie einfach auf einem Spielplatz oder auf einem Friedhof. Genau solche Geschichten erzählst du auch auf deinen Stadtführungen. Was fasziniert dich daran? Ich entdecke meine eigenen Orte immer wieder neu. Wenn man ein Buch schreibt, ist das irgendwann abgeschlossen. Aber wenn ich mit zwanzig Leuten durch die Stadt gehe, sehe ich alles noch einmal mit frischen Augen. Oft kommt auch jemand aus der Nachbarschaft dazu und erzählt eine Geschichte, die ich noch gar nicht kannte. Köln erkunden bei der » Tour de Kalk « © Lea May Du arbeitest nebenbei auch noch in einer Kneipe. Warum? Für meine Street Credibility (lacht). Ich habe schon immer gekellnert, früher im „Stiefel“, seit vielen Jahren im „Durst“. Das ist eine einfache Kneipe: kein Schnickschnack, keine Cocktails mit fünf Zutaten. Es läuft Rockmusik, die ich selbst aussuchen darf - und der Lohn des Tages ist ein bisschen Taschengeld. Vor allem aber treffe ich dort meine Leute. Die Menschen sind dir sowieso wichtig, oder? Total. Meine Interviews in der Zeitung funktionieren nach dem gleichen Prinzip wie meine Bücher: Ich suche die unbekannten Perlen. Menschen, die normalerweise nicht im Rampenlicht stehen, aber spannende Geschichten zu erzählen haben. Eine Stadt lebt von ihren Leuten - von den „Minsche“. Du sprichst auch Kölsch. Ist das Teil deiner Identität? Ja, obwohl mir das lange gar nicht bewusst war. Auf dem Spielplatz in Klettenberg haben einfach alle Kölsch gesprochen. Heute gibt es nicht mehr viele Native Speaker. Deshalb habe ich früher auch Kölschkurse an Grundschulen gegeben. Dialekte sind wichtig, weil sie etwas verbinden. Manche Dinge lassen sich auf Kölsch einfach besser sagen. Was erfahren die Kölner bei den Touren? Insidergeschichten. Ich beschäftige mich seit 40 Jahren mit meiner Heimatstadt als Journalist. Und meine interessantesten Interviews porträtieren Menschen, die quasi zuständig sind für das berühmte kölsche Gefühl. Meine Zufallsbekanntschaften aus der Germania Siedlung rund um die Porzer Spiegelglaswerke schildern das gut. Wenn wir uns dort über Siedlungsarchitektur unterhalten, kommt aus den 100 Jahre alten Reihenhäusern gerne mal ein Mann im Unterhemd raus. Und erzählt, wie das Leben als Arbeiter so war. Die spannendsten Geschichten liegen oft genau dort, wo sie niemand erwartet. Ich schmunzele auch immer wieder über die Seniorchefin der Bäckerei Zimmermann. Ihr Familienbetrieb ist seit Jahrzehnten täglich ab 16 Uhr ausverkauft. Auch mit 80 Jahren streicht sie noch immer zwölf Stunden am Tag durch die Backstube. Vielleicht ist das der Grund für den Dauerbrenner „Schwatzbrud“ aus der Bäckerei Zimmermann, fein und normal geschnitten im Silberpapier. © Janet Sinica Priska Höflich ließ sich vor 10 Jahren von Bernd Imgrunds Büchern inspirieren und entwickelte das Exkursionsprogramm „Urlaub in Köln“. Über 50 Exkursionen abseits der touristischen Hauptattraktionen laufen in diesem Jahr vom 18. Juli bis 2. August 2026. Radtour » Der Kölner Süden « www.urlaubinkoeln.de AKADEMIE KLAAF 25
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